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Das Bühnenkoma droht

Frankreichs Sprechtheatern und Opernhäusern geht die Luft aus

 


Seit Jahren von Unwohlsein geplagt, in jüngerer Zeit immer öfter krankgeschrieben, leidet Frankreichs spectacle vivant – der Sektor der darstellenden Künste – jetzt definitiv an einer schweren Pathologie. Um diese Diagnose kam man nicht länger herum, als Stéphane Braunschweig, der Intendant des Pariser Odéon-Théâtre de l’Europe, kürzlich seinen Verzicht auf eine Amtsverlängerung bekanntgab. Der künstlerische Etat des Hauses, die Mittel, die nötig sind, um über Fixkosten wie Strom und Personal hinaus Regisseure, Schauspieler, Bühnenbildner und so weiter zu verpflichten, sei von 3 Millionen Euro im Jahr 2007 auf deren 1,5 zehn Jahre später gesunken. Und heute auf null: Die Inflation fast aller Kostenstellen bei stagnierender Subvention habe die marge artistique aufgezehrt! Die einzige geplante Neuproduktion der Spielzeit 2024/25, eine eigene Inszenierung von Tschechows „Möwe“, konnte der Regisseur und Theaterdirektor in Personalunion allein durch „Umleitung“ von Mitteln retten, die ihm als künftigem Freischaffendem zugesagt worden waren. Sonst hätte das Haus praktisch den ganzen kommenden Herbst lang geschlossen bleiben müssen.


Braunschweig, der zuvor das Pariser Théâtre national de la Colline und das Théâtre national de Strasbourg geleitet hatte, ist im In- wie Ausland hochangesehen. Das Odéon darf in künstlerischer Hinsicht als die führende Sprechbühne des Landes gelten – weit vor der konservativen Comédie-Française (die im Übrigen als einziges Haus im ganzen Lande eine richtige Truppe besitzt). Nach den Extremitäten hat die Gangrän nunmehr zentrale Organe erfasst. Fünf Verantwortliche des Sektors, von uns befragt, zeigen sich bezüglich der Aussichten auf Genesung pessimistisch.


Stéphane Braunschweig, scheidender Intendant des Odéon-Théâtre de l’Europe (Bild: Carole Bellaïche)

So beklagt Nicolas Dubourg, Präsident des Syndicat national des entreprises artistiques et culturelles, für die 450 Strukturen, die seiner Gewerkschaft angehören, einen Rückgang des künstlerischen Etats um schockierende 25 Prozent in der laufenden Saison. Das sei so viel wie in den zwanzig Spielzeiten davor zusammengerechnet! Die Unterfinanzierung des Sektors als Ganzes veranschlagt Dubourg auf mittlerweile 100 Millionen Euro im Jahr. Mit Pflästerchen wie punktuellen Nothilfen sei die Ausblutung des spectacle vivant nicht mehr zu stoppen.


Letzten Juli legte die Gewerkschaft Les Forces musicales, die 51 Opernhäuser und Orchester vertritt, eine konsternierende Broschüre vor. „La Saison fantôme“ betitelt, stellte sie eine Auswahl von neunzehn „Geister-Produktionen“ vor, die das Publikum diese Spielzeit nicht oder nur in flüchtigen Umrissen zu sehen bekommt. Abgesagte Produktionen oder Tourneen, konzertante statt szenische Aufführungen, auf wenige Termine zusammengestrichene Vorführungsreihen – insgesamt 150 000 Karten, die nicht, wie ursprünglich geplant, zum Verkauf gestellt wurden. Beunruhigend wirkt, dass sich unter den „Phantom-Produktionen“ Kassenschlager finden wie „La Forza del destino“, „Don Giovanni“ oder „Carmen“. Letzteres Werk, so der Direktor der Opéra national de Lorraine, erheische ein Orchester und einen großen Chor – das könne sein Haus nicht honorieren!


Schaurig schwarz: das Titelblatt der Broschüre „La Saison fantôme“ der Gewerkschaft Les Forces musicales (Bild: Les Forces musicales)

Ihre Befürchtung sei, erklärt Claire Roserot de Melin, die Präsidentin von Les Forces musicales, dass nach den annullierten Vorstellungen, die für die Spielzeit 2022/23 angekündigt gewesen waren, und nach jenen, die 2023/24 geplant, aber noch nicht angekündigt worden waren, von 2024/25 an das Gebot der Ausdünnung der Spielpläne durch viele Intendanten schon verinnerlicht sein könnte. Theater- und Opernliebhaber mögen die fortschreitende Schwindsucht des Programmangebots dann nur noch an der zunehmenden Ausmergelung der Saisonbroschüren ermessen.


Dabei trifft das Publikum keine Schuld an der Misere. Es strömt seit 2022/23 wieder so zahlreich wie vor der Pandemie in die Säle, auch wenn sich seine Zusammensetzung und seine Reservierungsgewohnheiten geändert haben. Manche Häuser haben sogar stark zugelegt, wie das Théâtre du Capitole in Toulouse, das diese Spielzeit bis jetzt über ein Viertel mehr Zuschauer anziehen konnte als im selben Zeitraum 2018/19!


Hingegen kam es mehrfach zu Subventionskürzungen durch Gebietskörperschaften, deren Verantwortliche am rechten oder linken Rand des politischen Spektrums zu verorten sind. Der Opéra national de Lyon wurde 2022 sogar je eine halbe Million Euro durch den rechtspopulistischen Präsidenten der Region Auvergne-Rhône-Alpes wie durch den grünen Bürgermeister von Lyon gestrichen. Seitdem habe das Haus, so seine Pressesprecherin auf Anfrage, von beiden Seiten einen Teil der verlorenen Mittel kompensiert bekommen. Aber eben: bloß einen Teil.


Bühne am Scheideweg: die Oper von Lyon (Bild: Opéra national de Lyon / Bertrand Stofleth)

Dominique Riber, Präsidentin der Association française des agents artistiques, bedauert eine Radikalisierung der Demagogie gegen Oper. „Und zwar sowohl im linken Lager mit der Moralisierung des ökologischen Gewissens, die sich nach den letzten Gemeindewahlen 2020 in Städten wie Bordeaux, Grenoble, Lyon oder Straßburg herauskristallisiert hat: Grüne Bürgermeister spielen dort die ‚Kunst der Bourgeoisie‘ gegen jene des Volkes aus. Als auch bei den Rechtsextremen mit ihrer Gegenüberstellung der vermeintlich hochgezüchteten Amüsements der ‚reichen städtischen Bobo-Elite‘ mit den angeblich bodenständigen Feierabendvergnügungen der Masse der ‚Kleinen und Ungebildeten‘“.


Fairerweise muss man sagen, dass Straßburg Anfang 2023 einen Totalumbau der Opéra national du Rhin in zweistelliger Millionenhöhe genehmigt hat. Und dass es nach wie vor Häuser gibt, die auf die unbedingte Unterstützung der zuständigen Gebietskörperschaft zählen können, etwa das durch die Toulouser Metropole getragene Théâtre du Capitole. Doch kranke wie einstweilen noch gesunde Häuser schwächt die Explosion der Kosten. Caroline Sonrier, Intendantin der Opéra de Lille, rechnet vor, wie sie seit 2013 den Verbrauch von Heizenergie um 44 Prozent senken konnte und jenen von Strom um 20 Prozent. Trotzdem seien die Ausgaben für beide Posten seitdem um 55 Prozent gestiegen! Ähnlich verhalte es sich mit Transport, Versicherungen, Werkstoffen für Kostüme und Bühnenbilder, externen Wach- und Putzequipen…


Kostenexplosion : die Oper von Lille (Bild: Opéra national de Lille)

Mit Abstand am schwersten zu Buche schlägt indes, dass die Gehälter je nach Statut des betreffenden Hauses punktuell oder jährlich erhöht werden (müssen). Und ihre Steigerung gemeinhin der Inflationskurve folgt. Bei großen Strukturen wie Opernhäusern machen die Saläre im Schnitt rund 70 Prozent des Gesamtbudgets aus. Schon ein kleiner Anstieg des Gehaltsaufkommens drückt da gewaltig auf die einzige Variable: den künstlerischen Etat. Zumal die Subventionen seit Jahren stagnieren. Das Kulturministerium, von allen Seiten zum Handeln gedrängt, arbeitet mit Vorliebe Vertragswerke aus wie einen „Pacte lyrique et symphonique“ oder einen „Besser produzieren, besser verteilen“ betitelten Plan – Kontrakte, die mangels ministerieller Unterschrift am Ende Arbeitsdokumente bleiben. Brachial handfest ist hingegen ein am 22. Februar dekretiertes Sparpaket, das dem spectacle vivant für das laufende Haushaltsjahr fast zehn (!) Prozent seiner Kredite wegamputiert.


Dabei bündeln laut Jean-Philippe Thiellay, dem Präsidenten des Centre national de la musique, etliche Häuser schon lang ihre Kräfte. Manche fusionieren, wie die Opern von Colmar, Mühlhausen und Straßburg 1972 oder jene von Angers und Nantes 2003. Andere legen projektbezogen ihre Produktionsmittel zusammen, wie seit 2015 – spartenübergreifend! – die Sprechtheater von Besançon, Dünkirchen, Quimper und die Musikbühnen von Compiègne, Rennes, Tourcoing. Doch allen Sparbemühungen zum Trotz sei, so Thiellay, seit der Jahrtausendwende die Zahl der Opernaufführungen landesweit um rund ein Viertel zurückgegangen. „Das bedeutet: weniger Neuheiten, weniger Verpflichtungen für Bühnenkünstler, weniger verkaufte Karten – und weniger Gäste für Hotels und Restaurants!“

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